Kranführerin Iris Harnisch

Kranführerin: «Ich bin nicht ganz schwindelfrei»

Auf der KSB-Baustelle ist sie «die Höchste». Iris Harnischs Arbeitsplatz befindet sich über siebzig Meter über Boden. Zu Besuch in der Kabine einer Kranführerin, die stets den Überblick hat.
«I nime no e Campari Soda – wit unger mir ligt s Wulchemeer
Dr Ventilator summet liislig – es isch als gäb’s mi nüme meh»

Diese poetischen Zeilen entstammen dem 1970er-Jahre-Kultlied «Campari Soda» der Schweizer Band Taxi. Auch wenn es darin um eine Flugreise geht: Der Taxi-Text passt zu diesem magischen Kranmoment in den frühen Morgenstunden. Iris Harnischs Campari Soda ist zwar ein Energydrink. Unter ihr liegt nicht das Wolken-, aber das Nebelmeer. Es ist auch nicht der Ventilator, der leise surrt, sondern die Laufkatze – jenes Kranteil, das sich entlang des Auslegers vor- und zurückfahren lässt. Und dass auf der linken Seite nicht die spanische Küstenstadt Málaga liegt, wie im Lied besungen, sondern das aargauische Dorf Mülligen, ist auch nur ein Detail. Denn eines scheint in diesem Moment exakt so wie im Songtext: Es ist, als wäre man hier oben gar nicht mehr Teil dieser Welt. Zumindest nicht in diesem einen nebligen Augenblick, 73,5 Meter über dem Boden, auf dem höchsten Kran der aktuell grössten Baustelle des Kantons.

Kran im Nebel

Der Arbeitsplatz auf 73,5 Meter über dem Boden gewährt einen einzigartigen Ausblick.

Im Kran fühlt sie sich sicher

Der Nebel hat sich inzwischen etwas gelichtet. Iris Harnisch zieht den Joystick nach links. Der Kranausleger und bis zu zwölf Tonnen angehängtes Material bewegen sich in dieselbe Richtung. Harnisch, gelernte Coiffeuse, hat sich vor rund 15 Jahren zur Kranführerin umschulen lassen. «Ein Bekannter von mir arbeitete in der Baubranche und hat Kräne disponiert; so bin ich auf diesen Beruf aufmerksam geworden», sagt sie. Grundausbildung, Lernfahrausweis für Kräne, letzte Kurse, Prüfung. «Ich bin auf einem Bauernhof aufgewachsen. Draussen zu arbeiten und Maschinen zu bedienen, war nicht neu für mich. Und obschon ich nicht zu hundert Prozent schwindelfrei bin, hat mir diese Arbeit sofort gefallen.» Moment, eine Kranführerin, die nicht schwindelfrei ist? Harnisch schmunzelt: «Bei Felsvorsprüngen ohne Geländer habe ich Höhenangst, Sportarten wie Fallschirmspringen und Bungee-Jumping würde ich nie machen. Aber ein Kran ist stabil verankert, auf dem Sitz in meiner Kabine fühle ich mich jederzeit sicher.»

Iris Harnischs auf dem Kran

Trotz Höhenangst fühlt sich Iris Harnisch im Kran sicher.

Faszinierende Vogelperspektive

Auf der A1 schlängeln winzige Autos über den Asphalt. Bäume, Bagger, Bauarbeiter – alles auf Spielzeuggrösse geschrumpft. Von hier oben sieht die Agnes-Baustelle aus wie ein grosser Sandkasten. Aus dem Funk «blechelt» eine Stimme – «Fundament» und «Beton» und «Absenkbecken». Iris Harnisch weiss, was zu tun ist. «Ich habe soeben den Restbeton ins Fundament geleert», sagt sie. «Nun geht es darum, den Betonbehälter im Absenkbecken waschen zu lassen.» Alltag einer Kranführerin, die mehr oder weniger den ganzen Tag in ihrer Kabine sitzt und nur via Funk mit dem Rest der Baustelle verbunden ist. Ein einsamer Job? «Nein, die Pausen und den Mittag verbringe ich meist unten, so komme ich mit den Leuten in Kontakt. Allerdings benötige ich etwa fünf Minuten, bis ich runtergestiegen bin.» Sei es für den Gang auf die Toilette oder das Mittagessen: 255 Sprossen sind es, bis Harnisch wieder festen Boden unter den Füssen hat. Den Aufstieg auf den Kran sehen Sie im Video.

Adlerauge hat grosse Verantwortung

Harnischs Arbeitstag beginnt morgens gegen sieben Uhr. Nach dem Umziehen informiert sie sich beim Polier über die anstehenden Aufträge, um den Tag etwas zu planen. Zudem ist Harnisch verantwortlich für den Unterhalt des Krans. «Das sind Routinekontrollen, die ich beim Auf- und Abstieg durchführe. Zwischendurch muss ich beispielsweise gewisse Teile schmieren, das gehört auch dazu.» Was die Kernaufgabe betrifft, ist eine Kranführerin eine Art Transportdirigentin. «Hier oben hast du den Überblick und kannst die Distanzen oft besser einschätzen als vom Boden aus», sagt Iris Harnisch. Das erfordert gute Augen, viel Feingefühl beim Steuern der beiden Joysticks und eine gewisse psychische Belastbarkeit. «Meine Arbeit hat nichts mit körperlichen Kräften zu tun, im Gegensatz zu vielen anderen Baustellentätigkeiten. Deshalb spielt es überhaupt keine Rolle, ob ein Kranführer oder eine Kranführerin in der Kabine sitzt.» Und trotzdem, einer Kollegin ist sie noch nie begegnet.

Zwei Gefängnisse und ein FIFA-Gebäude

Iris Harnisch mag Baustellen, Orte, wo «etwas entsteht». Sie habe schon zwei Gefängnisse gebaut, ein Wasserkraftwerk, zudem krante sie kurzzeitig mit beim Bau des FIFA-Hauptsitzes am Zürichberg. «Die KSB-Baustelle ist für mich als Aargauerin schon speziell. Vor einigen Jahren erst wurde ich hier wegen eines gebrochenen Fingers behandelt.» Den Fingerbruch hat sie sich bei Arbeiten am Boden zugezogen, hoch oben im Kran kann Harnisch nicht viel passieren. Das Einzige, was ihr hin und wieder zu schaffen macht, ist der Wind: «Der Kran selber schwankt nicht gross. Die Herausforderung ist die Last, die rumschwenkt und sich drehen kann.» Und welche Rolle spielen die Temperaturen? «Einige Kräne sind klimatisiert, was an einem heissen Sommertag aber nicht viel bringt. Ist es kalt, läuft logischerweise die Heizung auf Hochtouren.» Ob bei Hitze oder Kälte: Iris Harnisch muss so oder so cool bleiben. Die tonnenschwere Last hängt zwar am Kran, sie aber trägt die Verantwortung.

Die Arbeit von Iris Harnisch und dem ganzen Bauteam können Sie rund um die Uhr auf YouTube live mitverfolgen.






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