Healing Architecture am Beispiel des Spitals in St. Petersburg

Healing Architecture:
Teil 2 – Lebenswelt statt Lagerstätte

Im zweiten Teil unserer Reise erfahren Sie, wie sich die technokratische «Maschine» Spital zu einem ganzheitlichen Weggefährten weiterentwickelt.

Die ersten Krankenhäuser kamen im 18. Jahrhundert auf. Sie waren in erster Linie Versorgungsstätten für die Unterschicht. Wer es sich leisten konnte, rief den Arzt zu sich nach Hause. Denn die damaligen hygienischen Verhältnisse führten regelmässig zu Seuchen in den Spitälern. Mit der Erfindung der Narkose 1846 kamen erste OP-Säle auf, die Einführung von Desinfektionen und Sterilisationen führte im weiteren Zeitverlauf zur Entwicklung von Grosskrankenhäusern. In grossen Ländern wie den USA boten diese über Tausend Betten für breite Bevölkerungsschichten.

Die meisten unserer heutigen Spitäler haben ihren Ursprung in den 1970er Jahren, als die letzte grosse Spitalbauwelle rollte. Ihre Gestaltung richtete sich überwiegend nach rein funktionalen Kriterien. Patientenbedürfnisse über die rein medizinische Behandlung hinaus spielten höchstens eine untergeordnete Rolle. Auch wenn die medizinische Versorgungsqualität insbesondere in der Schweiz sehr hoch ist – die derzeitige Spitalgeneration ist längst an ihre Grenzen gestossen und liefert kaum noch Antworten auf die Fragen unserer Zeit. Dies bildet auch den Grund für den derzeitigen Bauboom in der Schweizer Spitallandschaft.

Die aktuelle Spitalgeneration ist an ihre Grenzen gestossen.

Christine Nickl-Weller ist Pionierin. Sie bringt – vereinfacht ausgedrückt – altbekanntes Laienwissen mit wissenschaftlichen Befunden und digitalen Technologien zusammen. Im Einklang mit der Natur bauen und leben, gesund essen, für Wohlbefinden und Ausgleich sorgen, andere Menschen treffen, kurze Wege und dorfähnliche Strukturen des Zusammenlebens in einer global vernetzten Welt schätzen – traditionelle Werte treffen auf hochtechnisierte Lebenswelten. Dieser Zeitgeist lässt sich im Privaten wie Beruflichen beobachten. Und die Healing Architecture gibt architektonische Gestaltungsantworten auf komplexe Anforderungen.

Mittelpunkt Mensch

Ein Spital war und ist dabei stets verbunden mit dem Leben der Menschen: mit ihren Sorgen und Ängsten, mit ihren Hoffnungen und Freudentränen genauso wie mit ihrer Vergänglichkeit. Nur hatte das Gebäude an sich bislang keinerlei gesundheitsfördernde Funktion, weder emotional noch funktional. Es war nicht im Leben der Patienten und ihrer Angehörigen verankert. Sondern folgte gefügig den kalten technokratischen Anforderungen der Medizin, der Technik und der Betriebsorganisation.

Die Healing Architecture will aus der Medizin-Maschine der 70er-Jahre einen Gefährten für die Menschen im 21. Jahrhundert machen. Auf höchstem medizinischen, wirtschaftlichen und ökologischen Standard einen Teppich aus Funktion und Emotion weben, über den die Menschen – kranke wie gesunde, Patienten wie Personal – gerne gehen wollen. Das KSB ist in diesem Entwicklungsschub eines der Flaggschiffe in der Schweiz.

Christine Nickl-Weller, CEO und emeritierte Professorin an der Technischen Universität Berlin.
«Healing-Architecture-Spitäler haben 30% mehr Patienten ab dem ersten Tag»
Christine Nickl-Weller

Was hat Christine Nickl-Weller in Baden genau vor? «Den Menschen in den Mittelpunkt stellen». Das reklamieren heute viele für sich, ob in Politik oder Design. Doch auf der heutigen Baustelle entsteht tatsächlich ein in jeder Hinsicht durchdachtes Zuhause für die Gesundheitsversorgung, das sich um grundlegende menschliche Bedürfnisse genauso kümmert wie um bestmögliche medizinische Versorgung. Und das weit über die Grenzen des Kantons Aargau hinaus.

Städtebaulich in die Landschaft integriert, wird das Gebäude aus zwei ineinander verschachtelten Rechtecken bestehen. Diese haben einen engen Bezug zur umliegenden Natur. Öffentliche Cafés, Apotheken oder sonstige Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen sind bereits von aussen zugänglich. Dadurch verankert sich das Spital in der generellen Lebenswelt Badens als Bäder- und Gesundheitsstandort. Besucher gelangen nicht wie üblich durch eine zentrale Pforte in das Gebäude, sondern über einen wie schwebend wirkenden Innenhof in eine grosszügige Eingangshalle.

Flexible Zeiten

Das Gebäude selbst ist im Grunde genommen eine nachhaltig konzipierte und hochtechnisierte Hülle, die flexibel auf Veränderungen und Innovationen reagieren kann. Sie optimiert Wege und zentralisiert zusammengehörige Behandlungsbereiche. Medizin und Pflege können sich so wie auf einem Marktplatz zusammenfinden, stationäre Patienten aus der einen, ambulante Patienten aus der anderen Richtung. Die Flexibilität sei heute aus funktionaler Sicht das Wichtigste, sagt Christine Nickl-Weller: «Die Medizin ist durch immer kürzere Innovationszyklen geprägt, in denen die Technik komplett überholt wird. Waren es vor ein paar Jahren noch 15 Jahre, stehen wir heute bei sieben bis acht Jahren.»

Ihre Antwort gibt sie in Form eines generell höchstmöglichen technischen Ausstattungsgrads bei optimaler Raumqualität. Die immer kurzlebigeren Ausstattungen der einzelnen Medizinbereiche seien nachträglich immer wieder «wie Legosteine» ins Gebäude zu integrieren. Über die dadurch längere «Lebensdauer» des Spitals ergäben sich auch erhebliche wirtschaftliche Vorteile. Das neue KSB wird also sehr lange sehr modern bleiben.

«Wir können bereits durch die leeren Räume gehen»
Christine Nickl-Weller

Dass dies gute Gedanken nicht nur in der Theorie sind, sondern auch bereits praktisch bis ins Detail erlebbar ist, zeigt ein Blick in die virtuelle Planungssoftware im Zürcher Architekturbüro. Der KSB-Neubau ist eines der ersten Bauprojekte überhaupt in der Schweiz, das komplett 3-D-geplant ist. «Wir können bereits durch die leeren Räume gehen, die Einrichtung wird wegen der kurzen Innovationszyklen in der Medizintechnik erst so spät wie möglich festgelegt», lässt die Architektin durchblicken.

Gestiegene Ansprüche

Die Anforderungen an ein Spitalgebäude werden zudem durch vermehrte ambulante Behandlungen und gestiegene Ansprüche an die Aufenthaltsqualität immer höher. Menschen werden heute älter, bleiben länger fit und benötigen häufiger Behandlungen. Sie wollen eher in ein Hotel gehen als in ein Spital.

Von Seiten der Politik soll ein Spital immer wirtschaftlicher werden, die Ökologie schreit nach Nachhaltigkeit, die Arbeitnehmer nach besseren Arbeitsbedingungen. Das KSB berücksichtigt mit dem neuen Gesundheitscampus alle Wünsche auf dieser Liste. Doch kann die Healing Architecture sie auch erfüllen? Ein Blick in andere Länder und damit auf die lange Liste der Referenzen und derzeitigen Planungen des Architekturbüros Nickl & Partner offenbart Erstaunliches. «Alle bisherigen neuen Spitäler hatten ab dem ersten Tag rund 30 Prozent mehr Patienten», verrät Christine Nickl-Weller zum Abschluss unseres Gesprächs.

Der neue Gesundheitscampus am KSB wird, so lautet der Plan, im Jahr 2022 eröffnet. Zeit, ein Spital neu zu denken – und die KSB-Baustelle anders zu sehen. Wir haben für Ihre Wartezeit Inspirationen von ähnlichen, bereits realisierten Spitälern. Kommen Sie mit auf eine Reise in die Welt der heilenden Architektur und entdecken Sie einen neuen Blickwinkel auf das, was man bisher «Spital» nannte.






Weltreise zur «Healing Architecture»






Kaiser-Franz-Josef-Spital

Österreich, Wien

Bauherr

Stadt Wien, Wiener Krankenanstaltsverbund

Realisierung

2011-2016

Grösse

Anzahl Betten: 258
OP-Säle: 9
Nutzungsfläche: 19.890 m²
Brutto-Grundfläche: 39.850 m²
Brutto-Rauminhalt: 179.180 m³

Auszeichnungen

1. Preis «17 Best Architects» 2008, Besondere Anerkennung für herausragende Gesundheitsbauten 2016, Iconic Awards Winner 2016, German Design Award Winner 2018

Charakter

Gestalten einer städtebaulichen Verdichtung im Einklang mit dem Bestandsbau sowie Teilneubau des Mutter-Kind-Zentrums. Dabei stellt die Architektur einen Bezug zur Stadt her und schafft Orte für Begegnung und Bewegung.






Multifunktionales Medizinisches Zentrum

Russland, St. Petersburg

Bauherr

Gesundheitsministerium Russland

Realisierung

2013-2017

Grösse

Anzahl Betten: 1.640
Nutzungsfläche: 219.000 m²
Brutto-Grundfläche: 471.400 m²
Brutto-Rauminhalt: 2.148.000 m³

Charakter

Gestalten eines Campus mit Lehr- und Forschungseinrichtungen sowie anhängenden Wohnquartieren mit Freizeitbereichen und Parkanlagen. Die modularen Strukturen können künftige Entwicklungen auffangen. Wege und Räume sind auf effektive Kommunikation ausgelegt.






2nd Children’s Hospital

China, Shenzhen

Bauherr

Stadtgemeinde Shenzhen

Realisierung

2017-2022

Grösse

Anzahl Betten: 1.500 Betten
Brutto-Grundfläche: 306.677 m² davon oberirdisch: 204.458 m² und unterirdisch: 102.219 m²

Auszeichnungen

Gold-Medal beim Shenzhen Architecture Design Award 2017, Auszeichnung als eines der «10 Best Hospital Architectures in China 2018»

Charakter

Neubau eines Pädiatrischen Vollversorgungskrankenhauses, das speziell auf die altersmässig spezifischen Bedürfnisse von Babys bis Jugendlichen ausgerichtet ist. Die entspannte Umgebung mit visuell interessanten Wartebereichen, freundlichen Raumhöhen und viel Bezug zur Natur sorgt für Geborgenheit sowie einfache Orientierung.






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