Aufnahme eines modernen Spitals von oben

Zu Besuch bei Christine Nickl-Weller, der Erfinderin der «Healing Architecture»

Spätestens seit dem Spatenstich für den KSB-Neubau ist das Architekturkonzept der «Healing Architecture» in aller Munde. Doch was steckt hinter dieser Etikette, die nach gut verpackter Wohlfühlvokabel klingt? Beispiele in anderen Ländern zeigen, wie heilende Architektur in der Realität aussehen kann. Eine Weltreise in zwei Teilen.

Wartezeit hat etwas Gutes. Man bekommt etwas unstrukturierte Zeit geschenkt. Und damit Gelegenheit, Dinge auf andere Art zu sehen. Beim Gang durch das Zürcher Büro der Architekten des KSB-Neubaus stösst man zunächst auf konzentriert arbeitende Menschen, die kurz und neugierig ihren Blick von ihren Bildschirmen zur freundlichen Begrüssung heben. Dann landet man vor einer kleinen Bibliothek, nicht viel länger als in einem durchschnittlichen Wohnzimmer.

Ein Regal gehört der «Healing Architecture». Das Besondere daran: Die Autorin dieser Bücher heisst genauso wie das Büro und wie die Gesprächspartnerin, die wohl am besten Auskunft geben kann, wenn es um «heilende Architektur» geht. Denn die Architekten von Nickl & Partner haben mit diesem Konzept den Wettbewerb um den KSB-Neubau gewonnen. Schnell wird klar, dass hier eine absolute Fachfrau in ihrem Element ist. Die Zeit, bis Christine Nickl-Weller in ihr gläsernes Besprechungszimmer bittet, vergeht beim Blick in ihre Bücher so schnell wie beim gierigen Aufblättern nach dem Kauf eines langersehnten Fortsetzungsromans.

Christine Nickl-Weller, CEO und emeritierte Professorin an der Technischen Universität Berlin.
«Ich fand Krankenhäuser früher immer widerlich.»
Christine Nickl-Weller

Die gebürtige Bad Reichenhallerin hat aus Erfahrungen, wie sie auch viele andere Menschen machen mussten, Passion und Profession gemacht. «Ich fand Krankenhäuser immer widerlich», legt sie los. «Sie etwa nicht?» Wie sonst sollte sie ihre Erinnerungen mit den Zweckbauten der 70er-Jahre auf den Punkt bringen? Dieser typische «Krankenhausgeruch», die langen Korridore, das herumeilende Personal und die nahezu maschinelle Behandlung. Voll auf scheinbare Funktionalität ausgerichtet – und in der Nebenwirkung auf ein unangenehmes Gefühl. So zumindest sieht es Nickl-Weller. Bei allem Respekt für die medizinischen Leistungen und Errungenschaften dieser Ära musste sich aus ihrer Sicht etwas ändern. Etwas Fundamentales.

Die Stunde Null

Der Mensch mit seinen Bedürfnissen im Mittelpunkt des Spitalbaus – so lässt sich der Grundgedanke der Healing Architecture zusammenfassen. Ihre Grundlagen liegen in Neurowissenschaft und Umweltpsychologie, wissenschaftlich zusammengefasst als «Healing Environment». Roger S. Ulrich gelang es 1984 als erstem, die Wirkungen der Umgebung auf den Genesungsprozess von Spitalpatienten zu belegen.

In dieser Urstudie wiesen die Patienten in einem Zimmer mit Ausblick ins Grüne im Vergleich zur Kontrollgruppe in einem dunklen Zimmer mit Blick auf eine Betonwand weniger postoperative Komplikationen auf. Ausserdem benötigten sie weniger Medikamente und pflegten einen harmonischeren Umgangston mit dem Personal. Nicht zuletzt verbrachten sie durchschnittlich einen halben Tag weniger im Spital. Es ergaben sich also erste handfeste Hinweise auf volks- und betriebswirtschaftliche Vorteile durch architektonische Unterstützung. Aspekte, die den heutigen Fallpauschalen entgegenkommen. Schliesslich werden Behandlungen von Krankheiten bezahlt, nicht Bettentage.

Christine Nickl-Weller brachte neben architektonischen Praxiserfahrungen im Städtebau die unterschiedlichen Perspektiven der Nutzergruppen Patienten, Personal und Besucher ein und entwickelte daraus ein spezielles Forschungsgebiet. Am Institut für Architektur der Technischen Universität Berlin hatte sie bis Ende 2017 den einzigen Lehrstuhl in der DACH-Region auf diesem Gebiet inne.

Ihr Verdienst liegt vor allem in der Nutzbarmachung vieler weiterer messbarer Kategorien für «gute Spitalräume». Diese zeichnen sich vor allem durch eine hohe Orientierungsleistung zwischen Innen und Aussen aus sowie durch grösstmögliche Unterstützung von Kommunikation. Will heissen: Ein Patientenzimmer bietet beispielsweise einen Blick ins Grüne, Tageslicht, die optimale Raumhöhe – und vor allem Privatsphäre auch in Mehrbettzimmern. Halböffentliche Spitalräume wie Durchgangsräume zeichnen sich weiterhin durch Orientierungssysteme aus, die auf angenehme Weise eher an dörfliche Strukturen als an Flughäfen erinnern.

Als eines der ersten Spitäler nach dem Konzept der Healing Architecture eröffnete 1998 das Kreiskrankenhaus Agatharied. Unsere Weltreise beginnt in Deutschland, rund 60 Kilometer südlich von München.
















Im zweiten Teil führt Sie unsere Reise durch Raum und Zeit zu Spitälern nach Österreich, Russland und China. Erfahren Sie auf diesen faszinierenden Stationen, was die Healing-Architecture-Krankenhäuser dort anders machen und wie ein Kinderspital in Shenzhen aussehen wird, das wie der Gesundheitscampus am KSB im Jahr 2022 eröffnet wird.

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